Suedlink: Teure Erdkabel sollen den Stromnetz-Ausbau retten…

BRAUNSCHWEIG:  Unserer Region droht nach Wahle-Mecklar eine weitere Trasse. Beim Südlink kommen die Leitungen unter die Erde.

Wie ein Damoklesschwert schwebt die Stromtrasse Südlink seit Jahren über unserer Region. Zuerst drohte sich das größte und wichtigste Bauprojekt der Energiewende durch die Landkreise Gifhorn, Helmstedt und die Stadt Wolfsburg zu schlängeln. Diese Planungen wurden verworfen. Statt Freileitungen gibt es nun Erdkabel. Daher kommen laut Betreiber Tennet ganz neue Räume in Betracht, um den Strom aus dem windreichen Norden nach Bayern und Baden-Württemberg zu transportieren.

"Andere machen sich einen schlanken Schuh – und wir sollen noch eine Trasse erhalten?“

„Andere machen sich einen schlanken Schuh – und wir sollen noch eine Trasse erhalten?“            Marcus Bosse (SPD), Landtagsabgeordneter

Die genannten Kommunen sind raus. Dafür stellte Tennet Ende September neue Trassenkorridore vor. Und dieses Mal müssen die Bewohner der Landkreise westlich beziehungsweise südlich von Braunschweig befürchten, dass der Südlink durch ihre Kommunen führt: Die Kreise Peine, Wolfenbüttel mit der Exklave Baddeckenstedt, Goslar und Osterode.

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Dass es in unserer Region ab 2020 eine weitere Stromtrasse, die Trasse Wahle-Mecklar, geben wird, spielt in den Überlegungen des Betreibers Tennet und der Bundesnetzagentur offenbar keine große Rolle. Das sehen Vertreter aus der Region natürlich anders. Der Landtagsabgeordnete Marcus Bosse (SPD) sagt: „Andere machen sich einen schlanken Schuh – und wir sollen noch eine Trasse erhalten?“ Der Landtagsabgeordnete Frank Oesterhelweg (CDU), überträgt die Lasten aus dem Atommüll-Bereich, und behauptet: „Die Asse, Schacht Konrad – die Region ist schon in vielerlei Hinsicht gebeutelt.“

Suedlink per Freileitung hätte drei Milliarden gekostet, jetzt zehn…

Das sieht auch Ulrich Löhr, Vorsitzender des Landvolks Braunschweiger Land, so. Viele begrüßen die Erdkabel, Löhr aber befürchtet negative Folgen wegen des Eingriffs in den Boden. Dieser würde durch die unterirdisch verlaufenden Stromkabel erwärmt. Hinzu komme: „Bei Störungsfällen muss der Boden immer wieder aufgerissen werden.“ Beides vermindere die Einnahmen der Landwirte. Löhr fordert daher: „Falls der Südlink durch die Region führt, müssen die Landwirte eine Entschädigung bekommen.“

Löhr sieht Tennet in der Verantwortung. Eine Entschädigung der Landwirte fordert auch Oesterhelweg. Der CDU-Abgeordnete ist sich aber sicher, dass am Ende der Verbraucher die Zeche bezahlt. Tennet würde sich das Geld zurückholen.

Ähnlich sieht es auch unser Leser. Beim aktuellen Projekt liegen die Kosten beim Drei- bis Vierfachen der Freileitungskosten. Ein Kilometer Leitung unter der Erde kostet bis zu 10 Millionen Euro. Es hat seinen Grund, dass die Kosten so hoch liegen und so stark variieren: Es kommt vor allem auf die Bodenbeschaffenheit an. Wenn Gestein weggesprengt werden muss, wird es gleich viel teurer. Es hängt aber auch vom eingesetzten Material ab, davon, ob die Leitungen ausgeschachtet werden, ob die Schächte begehbar sind, beleuchtet. Besser und teurer geht immer.

Die geplanten unterirdischen Stromautobahnen Südlink und auch der Südostlink kosten daher deutlich mehr als bislang vermutet. Sie waren ja zuerst als Freileitung geplant. Wegen der Bürgerproteste in der Republik und vor allem auf Druck von CSU-Chef Horst Seehofer gibt es nun Erdkabel.

Der Chef des Netzbetreibers Tennet, Lex Hartman, sagte dem Bayerischen Rundfunk kürzlich, für den Bau müsse insgesamt mit bis zu 15 Milliarden Euro gerechnet werden.

Womöglich liegen die Kosten noch höher. Tennet-Sprecher Mathias Fischer sagte unserer Zeitung, dass alleine der Südlink zehn Milliarden Euro verschlingen wird. Per Freileitung hätte die Stromautobahn ganze sieben Milliarden Euro weniger gekostet. Die Tennet-Schätzung basiert auf Erfahrungen anderer Erdkabelprojekte sowie Kosten für Querungen von Infrastrukturen, für Planung und Genehmigungsverfahren sowie Entschädigung der Grundbesitzer.

Ende 2022 gehen die letzten Atomkraftwerke vom Netz

Am Netzausbau führt generell aber kein Weg vorbei. Immer mehr grüner Strom aus Wind-, Solar- und Bioenergie drückt in die Netze. Die starken Schwankungen bei Wind und Sonne stellen die Stabilität des ganzen Energiesystems auf eine Belastungsprobe: Wenn sich etwa bei stürmischem Wetter regional Windstrom ballt, geraten die Leitungssysteme unter Druck. Windanlagen müssen gegen Kostenersatz abgeschaltet, Reservekraftwerke an anderen Stellen hochgefahren werden. Das kostet aktuell schon rund eine Milliarde Euro im Jahr, bis 2023, wenn alle Atomkraftwerke vom Netz sind, könnten sich laut Bundesnetzagentur die Kosten vervierfachen. Um die Versorgungssicherheit zu halten und Blackout-Risiken zu mindern, müssen daher dringend neue „Stromautobahnen“ her.

Erdkabel haben gegenüber den Freileitungen Vorteile. Zunächst mal: Man sieht sie nicht. Eigentümer müssen nicht fürchten, dass riesige Masten vor der Haustür den Wert ihres Grundstücks mindern. Hinzu kommt: Für Erdkabel gelten beim Leitungsbau kaum Abstandsgrenzen zur Bebauung. Das Netz kann sich stärker an der Luftlinie orientieren. Das spart Strecke.

Skeptiker wie Löhr vom Landvolk fürchten, dass auch Erdkabel Gesundheit und Umwelt negativ beeinflussen könnten – zum Beispiel, indem sie den Boden erwärmen. Bei einer Netzstörung dürfte die Reparatur vielfach länger dauern, weil man die defekte Stelle erst orten und dann den Boden aufreißen muss.

Den Netzausbau und den Betrieb zahlt der Verbraucher

Die Zusatzkosten zahlt der Verbraucher. Da hat unser Leser ganz Recht. Ohnehin soll die EEG-Umlage, die den Ökostrom subventioniert, laut Expertenschätzung 2017 auf fast 7 Cent je Kilowattstunde steigen. Noch liegt sie bei 6,35 Cent. Ein teurerer Netzausbau und Betrieb würde über die Netzentgelte ebenfalls bei den Stromkunden landen. Schon jetzt macht dieser Posten rund ein Viertel des Strompreises aus. Die Grünen kritisierten Erhöhungspläne der Netzbetreiber: Im schlimmsten Fall drohe Stromkunden eine „Erhöhungsorgie“.

Doch nicht nur die Kosten geraten langsam aus dem Ruder, auch der Zeitplan ist längst hinfällig. Ursprünglich sollte Südlink bereits 2014 an den Start gehen – mit Freileitungen. Nach den lautstarken Bürgerprotesten gab es ein neues Gesetz im Bundestag, das grundsätzlich Erdkabel bei neuen Großprojekten wie den Südlink vorsieht. Tennet musste die Planung ganz neu aufrollen. Ursprüngliche Varianten, die durch das Weserbergland führten, wurden ganz verworfen. Zu teuer, zu massiv ist die Mittelgebirgslandschaft beiderseits der Weser zwischen Hann. Münden und Porta Westfalica. Warum einer der neuen Varianten aber zum Beispiel durch unsere Region und die Harzausläufer führen, konnte Tennet-Sprecher Fischer am Donnerstag nicht begründen.

Bis zum Frühjahr 2017 will Tennet den sogenannten Bürgerdialog beendet haben. Im Landkreis Peine soll es bereits Ende Oktober die erste Bürgerveranstaltung geben. Einen genauen Termin gibt es noch nicht. Dann erst beginnt die Fachplanung, bis 2020 soll das Planfeststellungsverfahren stehen, 2021 soll Baubeginn sein. Wenn alles optimal läuft, nimmt der Südlink 2025 den Betrieb auf. Quelle Braunschweigischer Zeitung

 

 

 

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